Stuttgart - ProSieben tätigte ein Interview mit dem Macher Marc Cherry während der Pressekonferenz am 15. Februar 2005.
S.R. Hallo Marc, mein Name ist Stella Rodger, ich bin von ProSieben Television und ich führe dieses kurze Interview. Ich freue mich sehr, dass Sie heute morgen Zeit für uns haben, bei uns ist es bereits Abend. M.C. Ich freue mich auch
S.R. Wir haben 70 Journalisten hier, die sie alle anstarren.
M.C. Oh, wie schön für sie.
S.R. Und sie freuen sich alle, dass sie bei uns sind. Marc, Sie haben bereits für andere berühmte Fernsehserien wie die "Golden Girls” geschrieben. Können Sie uns sagen, was die Ausgangsidee für "Desperate Housewives" war und wie das ganze Projekt zustande kam?
M.C. Eigentlich war es so, dass ich nach Arbeit suchte, ich hatte gerade keinen Job. Und ich war bei meiner Mutter zu Hause und wir sahen einen Bericht über das Gerichtsverfahren gegen Andrea Yates. Ich weiß nicht, ob Sie sich alle den Fall erinnern, es geht um die Frau in Texas, die ihre vier Kinder ertränkt hat. Ich sah mit das mit meiner Mutter und ich war so... geschockt von dem, was ich da sah und ich weiß noch, wie ich mich zu meiner Mutter umdrehte und sagte: "Kannst Du Dir vorstellen, dass eine Frau so verzweifelt sein kann, dass sie ihren eigenen Kindern etwas antut?” Und meine Mutter nahm ihre Zigarette aus dem Mund und sagte: "Ich kenne das.” Und ich war entsetzt und meinte, "Was sagst Du denn da?” Und zum allerersten Mal erzählte mir meine Mutter, die ich immer für die perfekte Ehefrau und Mutter gehalten hatte, wie verzweifelt und einsam sie sich fühlte, allein mit mir und meinen beiden Schwestern zu Hause, während mein Vater fort war, um seinen Master an der Universität zu absolvieren. Und plötzlich dachte ich: "Oh Gott, wenn Du schon derart verzweifelte Augenblicke hattest, dann geht es jeder Frau so. Und so kam mir die Idee, eine Fernsehsendung über Frauen zu machen, die diese Bilderbuchrolle der Ehefrau und Mutter spielen und dabei unglücklich sind. Auf einmal wurde mir klar, dass das eine Fernsehsendung sein kann.
S.R. Klingt fantastisch. Sie sind noch dabei, die erste Staffel zu drehen. Als die Idee zu "Desperate Housewives" entstand, hatten Sie da bereits die 23 Folgen der Serie mit der im Kopf oder entwickeln Sie die Figuren während des Drehbuchschreibens weiter?
M.C. Ich würde sagen, dass ich wahrscheinlich die ersten zehn Folgen ziemlich konkret im Kopf hatte. Und ich wußte, wie ich die Staffel beende. Aber wir haben auch Raum gelassen, um zu sehen, welche Handlung funktionieren würde, welche Figuren gut miteinander harmonierten und , wissen Sie, wir und die Autoren haben hier und da etwas eingefüllt, aber dabei Raum für Kreativität gelassen. Aber wir wußten genau, worauf es am Ende hinauslaufen würde.
S.R. Können Sie uns etwas über den Schreibprozess erzählen steht Ihnen ein ganzes Autorenteam zur Verfügung? Haben Sie sich von Ihrer Mutter inspirieren lassen? Oder haben Sie mit anderen Frauen über deren Erfahrungen gesprochen?
M.C. Jede Frau in Südkalifornien ist zu mir gekommen und hat mir von verrückten Momenten erzählt und den völlig unangemessenen Dingen, die sie ihren Kindern oder Männern angetan haben. Das hat das Schreiben stark beeinflußt. und alle Autoren kennen Geschichten über ihre Großmütter, Mütter, Ehefrauen, Freundinnen... gewisse Dinge, die sie getan haben und die sie nicht hätten tun sollen. Wir nehmen Informationen, von wo immer wir sie bekommen können.
S.R. Worin liegt für Sie als Erfinder der Serie die größte Herausforderung , damit "Desperate Housewives" ein langanhaltender Erfolg wird?
M.C. Gute Frage. Wissen Sie, ich glaube es geht darum, dass es realistisch bleibt. Wir haben Mysteryelemente Comedy aber nur diese kleinen realen Szenen aus dem Leben, mit denen sich die Leute identifizieren können. Das ist das Fundament der Serie. Und wir versuchen jede Woche das zu schaffen, echte Geschichte erzählen, die echten Menschen passieren.
S.R. Sie haben gesagt "Desperate Housewives" ist Mystery, Comedy... Sie haben gerade einen Golden Globe für die beste Comedy-Serie gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!
M.C. Vielen Dank.
S.R. "Desperate Housewives" ist keine wirklich klassische Comedy-Serie. Würden Sie Ihre Sendung als Comedy bezeichnen oder als ein anderes Genre, vielleicht ein gemischtes Genre?
M.C. Es ist gar nichts klassisches. Tja, es ist eine Mischung, eine "Dramödie". Gibt es diesen Begriff im Deutschen? Es ist etwas eigenes und es wäre falsch gewesen, für "Drama" nominiert zu werden oder für "Comedy" . Was gut an der Sendung ist, ist das wir schaffen unser eigenes Genre schaffen. Es ist eine Mischung aus vielen anderen Sendung und das gibt uns die Möglichkeit, die Geschichte in einer Weise zu erzählen, die man so noch nicht gesehen hat. Und wir haben dabei eine Menge Spaß.
S.R. Marc, wollten Sie mit der Sendung einen Blick, hinter die Kulissen von "Wisteria Lane", also des vermeintlich perfekten Vorstadtlebens in den Vereinigten Staaten werfen? Und sollte das bewußt ein kritischer Blick sein?
M.C. Ich bin in einer Vorstadt von Orange County, Kalifornien, aufgewachsen. Ich fands klasse, ich hatte tolle Eltern, eine tolle Schule. Viele Autoren sehen die Vorstädte sehr zynisch. Bürgerliche Menschen mit ihren bürgerlichen Leben. Das ist aber nicht meine Haltung, ich habe für diese Menschen sehr viel Zuneigung. Ich sehe das nicht als Kritik der amerikanischen Vorstadt oder der amerikanischen Werte, sondern vielmehr als Satire dessen, das wir alle kennen.
S.R. Wirklich nett von ihnen. Die Zeit läuft und ich lasse Sie jetzt wieder an die Arbeit gehen und eine neue tolle Sendung schreiben. Vielen Dank-
M.C. Ich hoffe, Ihnen in Deutschland wird die Sendung gefallen.
|